






6 of 7
From Kai's review
Jul 15, 2012
Man war nicht auf einer friesischen Insel, wenn man keine Wattwanderung gemacht hat. Und ich wage zu behaupten, man war nicht in Nordfriesland, wenn man keine Wattwanderung mit Helmut Bahnsen gemacht hat. Erst auf seinen Wattführungen erschließt sich dem interessierten Wanderer wie Kulturwelt des Wattenmeeres rund um Nordstrand, Pellworm und den Halligen. Selbst Sylt, Amrum und Föhr haben nicht vergleichbares zu bieten. (Siehe Foto unten) (Siehe Foto unten) Der Wattführer Helmut Bahnsen Helmut Bahnsen, der gelernte Wasserbauer, geht auch heute noch mit seinen inzwischen 67 Lenzen täglich bei jedem Wetter ins Watt, egal ob mit oder ohne Gäste. Es gibt niemanden hier an der Küste, der das Watt und die Kulturlandschaft Uthlande besser kennt als er. Und doch sagt er, dass sich das Watt mit jeder Flut verändert. Dinge, die gestern noch nicht da waren, scheinen plötzlich aus dem Watt aufzutauchen, um wenige Tage später wurden sie nicht von ihm geborgen wieder zu verschwinden. (Siehe Foto unten) Ein versunkener Sodenbrunnen (Siehe Foto unten) Schweinekiefer aus dem 14. Jh. (Siehe Foto unten) Reste eines Salzfasses Während der üblichen Wattführungen erfährt man, egal wo man es macht, immer dasselbe: Das Wasser kommt und geht mit dem Mond etwa im 6 Stunden-Rhythmus; hier leben die Wattwürmer wir graben mal einen aus igitt, rufen die Mädels; so sehen die Muscheln aus schaut mal, so sieht das Tier aus, dass in der Muschelschale lebt igitt, rufen die Mädels wieder und so graben sie sich wieder ein; keiner sollte alleine ins Watt gehen, zu gefährlich, immer nur mit Führer. Soweit das übliche Blabla. Eine Wanderung mit Bahnsen dagegen ist spannender als ein Kriminalroman. Was er so nebenbei erzählt, eröffnet eine Sicht auf die Dinge und die Geschichte dieser einzigartigen Landschaft, wie man sie mit anderen Führern nicht erleben kann. Er vertrödelt keine Zeit mit Wattwürmern. In seiner ruhigen Art aber zeigt und erklärt er die allenthalben vorhandenen Artefakte aus längst vergangegen Jahrhunderten. So sehe ich eine Warft, einen Kühstall, einen Komposthaufen, einen Grassodenbrunnen, die ich so überhaupt nicht entdeckt hätte. Nach eineinhalb- bis zweistündiger Wanderung komme ich zurück an den Deich und sehe vor dem geistigen wie realen Auge eine völlig veränderte Welt vor mir. Während unserer Wanderung hebt Helmut Bahnsen immer wieder kleine Dinge auf, so z.B. Ofenkacheln, Scherben, Flaschen, Knochen und erzählt uns Dinge darüber, die die Welt über 800 Jahren wieder lebendig werden lassen. An den Farben und Zeichnungen einzelner Scherben lesen wir nun ab, ob er sich um reiche oder arme Bauern auf dieser Warft handelte, ob sie heimische oder teure Kacheln oder Krüge aus dem Orient benutzten und vor allem, aus welcher Zeit die Dinge stammen. Aus kleinen Scherben mit ihren Augenblickgeschichtlein werden aber dann richtig lebendige Geschichten und Gesamtzusammenhänge, wenn man zu Helmut Bahnsen nach Hause kommt. Denn dort hat er irgendwann vor 40 Jahren angefangen, die Artefakte zu sammeln und zu katalogisieren. Heraus gekommen ist ein privates Museum der besonderen Art. Nämlich die Geschichte der Insel Strand, die während der Groden Mandränke 1362 auseinander brach und teilweise unterging. Das sagenumwobene Rungholt versank damals in den Fluten der Nordsee, dazu weite Teile der Insel, ganze Kirchspiele wurden von einem Tag auf den anderen vernichtet, tausende Menschen ertranken damals. Übrig blieben Nordstrand, Pellworm und die Halligen. Die sogenannte Zweite Marcellusflut forderte Chroniken zufolge entlang der Nordseeküste rund 100.000 Todesopfer. (Siehe Foto unten) Bilder vom Rundholtmuseum (Siehe Foto unten) Hier im Rungholtmuseum Bahnsen findet man die Überreste einer vergangenen Welt und das, was Helmut Bahnsen in über 40 Jahren davon geborgen hat. Erstaunliches tritt zutage, hört man dem rüstigen Wanderführer aufmerksam zu. Da zeigt er z.B. eine Schale oder einen Krug, den er wieder zusammen gesetzt hat, dem vielleicht nur ein oder zwei Teile fehlen; und erzählt dazu, dass zwischen dem Fund der ersten und letzten Scherbe dieses Stückes 30 Jahre vergangen sind. Er erzählt lebendige Geschichten über zahllose Fundstücke früherer Bewohner, aber auch von seltsamen Strandgut. Wer an der nordfrisischen Küste Halt macht, für den ist eine Wattwanderung mit Helmut Bahnsen ein Muss, und wer schon mal auf Pellworm weilt, für den ist der Besuch im Rungholtmuseum Bahnsen ganz sicher keine lästige Pflichtübung. read more

